* 5 *
»Öffne dich«, befahl Marcia der schwarzen Tür der Heaps. Da die Tür aber Silas Heap gehörte, tat sie nichts dergleichen. Im Gegenteil, Marcia glaubte zu sehen, wie sie die Angeln fester anzog und den Riegel verstärkte. Und so war sie gezwungen – sie, Madam Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin –, so laut sie nur konnte an die Tür zu pochen. Niemand öffnete. Sie versuchte es noch einmal, trommelte mit beiden Fäusten dagegen, doch noch immer öffnete niemand. Just in dem Augenblick, als sie erwog, der Tür einen kräftigen Fußtritt zu versetzen (und es ihr heimzuzahlen), wurde sie von innen geöffnet. Vor ihr stand Silas Heap.
»Ja?«, fragte er schroff, als sei sie nichts weiter als ein lästiger Vertreter.
Für einen kurzen Augenblick verschlug es Marcia die Sprache. Sie spähte an Silas vorbei in das Zimmer, das so aussah, als habe kürzlich eine Bombe eingeschlagen, und nun aus irgendeinem Grund von Jungen wimmelte. Die Jungen wuselten um ein kleines dunkelhaariges Mädchen herum, das an einem Tisch saß, den ein überraschend sauberes weißes Tischtuch bedeckte. Das Mädchen hielt ein kleines Geschenk in der Hand, das in leuchtend buntes Papier eingepackt und mit einem roten Band verschnürt war, und stieß lachend ein paar Jungen zurück, die so taten, als wollten sie danach schnappen. Doch nacheinander blickten das Mädchen und alle Jungen zur Tür, und im Zimmer der Heaps wurde es ungewohnt still.
»Guten Morgen, Silas Heap«, grüßte Marcia eine Spur zu huldvoll. »Und auch Ihnen einen guten Morgen, Sarah Heap. Und, äh, natürlich allen kleinen Heaps.«
Die kleinen Heaps, von denen die meisten ganz und gar nicht mehr klein waren, sagten nichts. Aber sechs hellgrüne Augenpaare und ein dunkelviolettes Augenpaar musterten Marcia Overstrand von Kopf bis Fuß. Marcia wurde unsicher. Hatte sie einen Fleck auf der Nase? Stand eine Haarsträhne lächerlich in die Höhe? Steckte ihr womöglich Spinat zwischen den Zähnen?
Marcia fiel ein, dass sie gar keinen Spinat zum Frühstück gegessen hatte. Mach schon, sagte sie sich. Du bist hier die Chefin. Also wandte sie sich an Silas, der sie so ansah, als hoffe er, dass sie bald wieder gehen würde.
»Ich sagte Guten Morgen, Silas Heap«, wiederholte sie gereizt.
»Das war ja nicht zu überhören, Marcia«, erwiderte Silas. »Und was führt dich nach all den Jahren hierher?«
Marcia kam gleich zur Sache. »Ich bin wegen der Prinzessin hier.«
»Was?«, fragte Silas.
»Du hast mich genau verstanden«, raunzte Marcia, die sich ungern an der Nase herumführen ließ, schon gar nicht von Silas Heap.
»Wir haben hier keine Prinzessin, Marcia«, entgegnete Silas. »Das ist doch wohl offensichtlich.«
Marcia schaute sich um. Es stimmte, hier würde niemand eine Prinzessin vermuten. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie eine solche Unordnung gesehen.
Mitten in dem Durcheinander stand Sarah Heap am Herd, in dem ein frisches Feuer brannte. Sie hatte gerade Haferbrei zum Geburtstagsfrühstück gekocht, als Marcia in ihr Heim und ihr Leben geplatzt war. Jetzt hielt sie wie versteinert den Topf mit dem Brei in der Hand und starrte Marcia an. Etwas in ihrem Blick verriet Marcia, dass sie ahnte, was jetzt kam. Das wird nicht einfach, sagte sich Marcia und beschloss, auf die harte Tour zu verzichten und noch einmal von vorn anzufangen.
»Darf ich mich setzen, Silas ... Sarah?«, fragte sie.
Sarah nickte. Silas machte ein finsteres Gesicht. Keiner von beiden sprach ein Wort.
Silas blickte zu Sarah. Sie war ganz weiß im Gesicht und zitterte. Sie setzte sich, nahm das Geburtstagskind auf den Schoß und zog es an sich. Silas wünschte sich mehr als alles andere, dass Marcia wieder ging und sie in Ruhe ließ, doch er wusste, dass sie sich anhören mussten, was sie ihnen zu sagen hatte. Er seufzte schwer und sagte: »Nicko, hol Marcia einen Stuhl.«
»Danke, Nicko«, sagte Marcia und ließ sich vorsichtig auf einem von Silas’ selbst gezimmerten Stühlen nieder. Der strubbelige Nicko grinste sie schief an und gesellte sich wieder zu seinen Brüdern, die sich schützend um Sarah gestellt hatten.
Marcia ließ den Blick über die Heaps wandern und staunte, wie ähnlich sie sich sahen. Alle, selbst Sarah und Silas, hatten das gleiche lockige strohblonde Haar, und natürlich hatten sie alle die durchdringend grünen Zaubereraugen. Und mitten unter ihnen saß, mit glatten schwarzen Haaren und dunkelvioletten Augen, die Prinzessin. Marcia seufzte in sich hinein. Für sie sah ein Baby wie das andere aus. Sie hatte überhaupt nicht bedacht, wie sehr sich die Prinzessin äußerlich von den Heaps unterscheiden würde, wenn sie älter wurde. Kein Wunder, dass die Spionin sie entdeckt hatte.
Silas Heap hockte sich auf eine umgedrehte Kiste. »Nun, Marcia, was führt dich zu uns?«, fragte er.
Marcia hatte einen ganz trockenen Mund. »Könnte ich ein Glas Wasser haben?«, fragte sie.
Jenna rutschte von Sarahs Schoß, kam zu Marcia herüber und hielt ihr einen fleckigen Holzbecher hin, der oben am Rand voller Bissspuren war.
»Hier, Sie können mein Wasser haben. Es macht mir nichts aus.« Jenna betrachtete Marcia mit bewunderndem Blick. Sie hatte noch nie eine Frau gesehen, die so lila, so elegante, so saubere und so kostbare Kleider trug, und ganz gewiss noch nie eine Frau mit so spitzen Schuhen.
Marcia beäugte den Becher argwöhnisch, rief sich aber in Erinnerung, wer ihn ihr gegeben hatte, und sagte: »Danke, Prinzessin. Äh, darf ich dich Jenna nennen?«
Jenna antwortete nicht. Sie war zu sehr damit beschäftigt, Marcias lila Schuhe zu bestaunen.
»Antworte Madam Marcia, mein Schatz«, sagte Sarah Heap.
»Oh ja, bitte, Madam Marcia«, sagte Jenna verwirrt, aber höflich.
»Danke, Jenna. Es ist schön, dich nach all der Zeit wieder zu sehen. Und bitte, nenn mich einfach Marcia«, sagte Marcia, die ständig daran denken musste, wie ähnlich Jenna ihrer Mutter sah.
Jenna schlüpfte wieder an Sarahs Seite, und Marcia zwang sich, ein Schlückchen Wasser aus dem zernagten Becher zu trinken.
»Raus damit, Marcia«, sagte Silas von seiner umgedrehten Kiste. »Was ist los? Anscheinend sind wir hier mal wieder die Letzten, die was erfahren.«
»Silas, wisst ihr, du und Sarah, wer ... äh ... wer Jenna ist?«, fragte Marcia.
»Klar wissen wir das. Jenna ist unsere Tochter«, sagte Silas störrisch.
»Aber ihr habt es erraten, nicht?«, sagte Marcia und richtete ihren Blick auf Sarah.
»Ja«, antwortete Sarah ruhig.
»Dann werdet ihr verstehen, wenn ich euch sage, dass sie hier nicht mehr sicher ist. Ich muss sie mitnehmen. Auf der Stelle«, sagte Marcia eindringlich.
»Nein!«, schrie Jenna. »Nein!« Sie kletterte auf Sarahs Schoß zurück. Sarah schlang die Arme um sie.
Silas brauste auf. »Marcia, nur weil du die Außergewöhnliche Zauberin bist, bildest du dir ein, du könntest einfach hier hereinspazieren und mir nichts, dir nichts unser Leben durcheinander bringen. Du wirst Jenna natürlich nicht mitnehmen. Sie gehört zu uns. Sie ist unsere einzige Tochter. Sie ist hier absolut sicher, und sie bleibt bei uns.«
»Silas«, seufzte Marcia, »sie ist bei euch nicht sicher. Jedenfalls nicht mehr. Sie ist entdeckt worden. Ihr habt eine Spionin in der Nachbarschaft. Linda Lane.«
»Linda?«, stieß Sarah hervor. »Eine Spionin? Das glaube ich nicht.«
»Meinst du diese nervtötende alte Quasselstrippe«, fragte Silas, »die ständig hier herumsitzt, von Pillen und Tränken plappert und die Kinder zeichnet?«
»Silas!«, protestierte Sarah, »sei nicht so grob.«
»Ich werde noch viel gröber zu ihr sein«, erwiderte Silas, »wenn sie wirklich eine Spionin ist.«
»Das steht außer Zweifel, Silas«, sagte Marcia. »Linda Lane ist ganz bestimmt eine Spionin. Und ihre Zeichnungen haben dem Obersten Wächter mit Sicherheit gute Dienste geleistet.«
Silas stöhnte.
Marcia nutzte ihren Vorteil aus. »Hör zu, Silas. Ich will nur das Beste für Jenna. Du musst mir vertrauen.«
Silas schnaubte verächtlich. »Warum um alles in der Welt sollte ich dir vertrauen, Marcia?«
»Weil ich dir die Prinzessin anvertraut habe. Und dafür vertraust du jetzt mir. Was vor zehn Jahren geschehen ist, darf nicht noch einmal geschehen.«
»Du vergisst«, giftete Silas, »dass wir keine Ahnung haben, was vor zehn Jahren geschehen ist. Niemand hat es für nötig gehalten, es uns zu sagen.«
Marcia seufzte. »Wie hätte ich es euch sagen können? Für die Prinzessin, ich meine, für Jenna, war es besser, dass ihr nicht Bescheid wusstet.«
Bei der neuerlichen Erwähnung des Wortes »Prinzessin« schaute Jenna zu Sarah auf.
»Madam Marcia hat mich vorhin schon so genannt«, flüsterte sie. »Bin das wirklich ich?«
»Ja, mein Schatz«, flüsterte Sarah zurück, dann sah sie Marcia in die Augen und sagte: »Ich glaube, wir alle sollten erfahren, was vor zehn Jahren geschehen ist, Madam Marcia.«
Marcia schaute auf ihre Uhr. Viel Zeit blieb ihr nicht. Sie holte tief Luft.
»Ich hatte damals gerade meine Abschlussprüfung abgelegt und war zu Alther gegangen, um mich bei ihm zu bedanken. Ich war kaum dort, da stürzte ein Bote herein und meldete, dass die Königin eine Tochter zur Welt gebracht habe. Wir waren außer uns vor Freude – endlich hatten wir eine Thronerbin.
Der Bote bestellte Alther in den Palast, wo er die Willkommenszeremonie für die kleine Prinzessin abhalten sollte. Ich begleitete ihn und half beim Tragen der schweren Bücher, Tränke und Zaubermittel, die er benötigte. Und um ihn daran zu erinnern, in welcher Reihenfolge alles zu tun war, denn der gute Alther wurde mit den Jahren etwas vergesslich.
Im Palast angekommen, wurden wir in den Thronsaal zur Königin geführt. Sie sah so glücklich aus – so glücklich! Sie saß auf dem Thron, hielt ihre neugeborene Tochter im Arm und begrüßte uns mit den Worten: ›Ist sie nicht wunderschön?‹ Es waren die letzten Worte unserer Königin.«
»Nein«, murmelte Sarah vor sich hin.
»Im selben Augenblick stürzte ein Mann in einer sonderbaren schwarz-roten Uniform in den Saal. Heute weiß ich natürlich, dass er die Uniform eines Meuchelmörders trug, aber damals wusste ich nichts dergleichen. Ich hielt ihn für einen Boten, aber ich sah der Königin am Gesicht an, dass sie keinen erwartete. Dann bemerkte ich die lange silberne Pistole in seiner Hand und bekam große Angst. Ich blickte zu Alther, aber der blätterte in seinen Büchern und hatte nichts mitbekommen. Dann ... alles war irgendwie so unwirklich ... musste ich mit ansehen, wie der Soldat ganz langsam und bedächtig die Pistole hob, auf die Königin richtete und schoss. Alles war so schrecklich still, als die silberne Kugel das Herz der Königin durchschlug und hinter ihr in die Wand fuhr. Die kleine Prinzessin schrie und entglitt den Armen der toten Mutter. Ich sprang vor und fing sie auf.«
Jenna war erbleicht und versuchte, das Gehörte zu begreifen. »War das ich, Mum?«, fragte sie Sarah mit leiser Stimme. »War ich die kleine Prinzessin?«
Sarah nickte langsam.
Mit leicht zitternder Stimme fuhr Marcia fort. »Es war schrecklich! Alther sprach bereits einen Schutzschildzauber, als ein zweiter Schuss fiel. Getroffen wirbelte Alther herum und stürzte zu Boden. Ich sprach den Zauber für ihn zu Ende, und für ein paar Augenblicke waren wir drei sicher. Wieder feuerte der Mörder – diesmal auf die Prinzessin und mich –, doch die Kugel prallte an dem unsichtbaren Schild ab, flog direkt zu ihm zurück und traf ihn am Bein. Er brach zusammen, behielt die Pistole aber in der Hand. Er lag einfach nur da, starrte uns an und wartete darauf, dass der Zauber erlosch, denn jeder Zauber muss irgendwann erlöschen.
Alther lag im Sterben. Er nahm das Amulett ab und gab es mir. Ich wollte es nicht. Ich war mir sicher, dass ich ihn retten könnte, aber Alther wusste es besser. Ganz ruhig sagte er mir, dass seine Stunde gekommen sei. Er lächelte und dann ... dann starb er.«
Im Zimmer war es still. Keiner rührte sich. Selbst Silas blickte zu Boden. Marcia erzählte mit leiser Stimme weiter.
»Ich ... ich war fassungslos. Ich band mir das Amulett um den Hals und hob die kleine Prinzessin auf. Sie weinte, oder vielmehr, wir beide weinten. Dann rannte ich los. Ich rannte so schnell, dass der Meuchelmörder gar nicht dazu kam, noch einmal abzufeuern.
Ich floh in den Zaubererturm. Ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte. Ich berichtete den anderen Zauberern, was geschehen war, und bat um ihren Schutz, den sie mir auch gewährten. Den ganzen Nachmittag überlegten wir, was wir mit der Prinzessin tun sollten. Wir wussten, dass sie nicht lange im Turm bleiben konnte. Wir konnten die Prinzessin nicht ewig schützen. Außerdem war sie ein Neugeborenes und brauchte eine Mutter. Und da dachte ich an Sie, Sarah.«
Sarah blickte überrascht.
»Alther hatte oft von Ihnen und Silas gesprochen. Ich wusste, dass Sie gerade einen Jungen zur Welt gebracht hatten. Im Turm war er das Gesprächsthema, der siebte Sohn des siebten Sohns. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war. Es tat mir sehr Leid, als ich davon erfuhr. Aber ich war mir sicher, dass Sie die Prinzessin lieben und glücklich machen würden. Und so beschlossen wir, dass Sie sie bekommen sollten.
Aber ich konnte nicht einfach in die Anwanden gehen und sie Ihnen geben. Es hätte mich jemand sehen können. Also schmuggelte ich die Prinzessin am späten Nachmittag aus der Burg und legte sie so in den Schnee, dass du sie finden musstest, Silas. Und das war’s. Mehr konnte ich nicht tun.
Nachdem mich Gringe so nervös gemacht hatte, dass ich ihm eine halbe Krone gab, versteckte ich mich im Schatten und wartete auf deine Rückkehr. An der Art, wie du deinen Umhang zugehalten hast und wie du gegangen bist, so als wolltest du etwas Kostbares schützen, habe ich sofort gemerkt, dass du die Prinzessin gefunden hattest, und weißt du noch, was ich zu dir gesagt habe? ›Erzähle keiner Menschenseele, dass du sie gefunden hast. Sie ist deine leibliche Tochter. Verstanden?«
Eine bedrückende Stille herrschte im Zimmer. Silas starrte immer noch vor sich hin, Sarah saß reglos mit Jenna da, und die Jungen blickten wie vom Donner gerührt. Marcia erhob sich leise und zog einen kleinen roten Samtbeutel aus einer Tasche ihres Gewandes. Dann stakste sie durchs Zimmer, wobei sie Acht gab, dass sie nicht irgendwo drauftrat, insbesondere nicht auf den großen und nicht allzu sauberen Wolf, der, wie sie eben erst bemerkt hatte, mitten in einem Haufen Decken schlief.
Die Heaps sahen gebannt zu, wie sie feierlich zu Jenna und Sarah ging, vor ihnen stehen blieb und niederkniete. Die Jungen wichen ehrerbietig zur Seite.
Jenna machte große Augen, als Marcia den Samtbeutel öffnete und ein kleines goldenes Diadem herausnahm.
»Prinzessin«, sagte Marcia, »dies Kleinod hat deiner Mutter gehört und ist nun dein rechtmäßiges Eigentum.« Sie setzte ihr das Diadem auf die Stirn. Es passte perfekt.
Silas brach den Bann. »So, jetzt hast du’s hinter dir, Marcia«, sagte er verärgert. »Jetzt ist die Katze endlich aus dem Sack.«
Marcia stand auf und klopfte sich den Staub vom Mantel. Und während sie noch klopfte, kam zu ihrer Überraschung der Geist Alther Mellas durch die Wand geschwebt und ließ sich neben Sarah Heap nieder.
»Ah, da ist Alther«, sagte Silas. »Dem wird die Sache nicht gefallen, das kann ich dir sagen.«
»Guten Tag, Silas, Sarah. Seid mir gegrüßt, meine jungen Zauberer.« Die Heap-Jungen grinsten. Die Leute gaben ihnen viele Namen, aber nur Alther nannte sie Zauberer.
»Und guten Tag, meine kleine Prinzessin«, sagte Alther, der Jenna schon immer so genannt hatte. Jetzt wusste sie, warum.
»Guten Tag, Onkel Alther«, sagte Jenna, die gleich viel glücklicher war, wenn der alte Geist neben ihr schwebte.
»Ich wusste ja gar nicht, dass Alther auch zu euch kommt«, sagte Marcia leicht beleidigt, obwohl sie erleichtert war, ihn zu sehen.
»Na ja, immerhin war ich zuerst bei ihm Lehrling«, gab Silas barsch zurück, »bevor du dich dazwischengedrängt hast.«
»Ich mich dazwischengedrängt? Du hast aufgegeben. Du hast Alther förmlich angefleht, dich aus der Lehre zu entlassen. Du hast gesagt, du wolltest lieber den Jungen Gutenachtgeschichten vorlesen, als in einem Turm zu hocken und deine Nase in alte verstaubte Zauberbücher zu stecken.« Marcia funkelte ihn zornig an. »Manchmal bist du wirklich unmöglich, Silas.«
»Kinder, hört auf zu streiten«, sagte Alther lächelnd. »Ich habe euch beide gleich gern. Alle meine Lehrlinge sind etwas Besonderes.«
Alther Mellas Geist schimmerte leicht in der Hitze des Feuers. Er trug den Umhang des Außergewöhnlichen Zauberers. Es waren noch Blutflecken darauf, was Marcia jedes Mal aus der Fassung brachte, wenn sie ihn sah. Althers langes weißes Haar war sorgfältig zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sein Bart war sauber gestutzt. Zu seinen Lebzeiten waren seine Haare und sein Bart immer ziemlich ungepflegt gewesen – anscheinend waren sie so schnell gewachsen, dass er nie hinterherkam. Aber seit er ein Geist war, hatte er keine Probleme mehr damit. Er hatte sie sich vor zehn Jahren geschnitten, und genauso waren sie bis heute geblieben. Seine grünen Augen funkelten vielleicht nicht mehr ganz so wie zu seinen Lebzeiten, aber sie blickten immer noch so durchdringend wie früher. Und der Anblick der Familie Heap stimmte ihn traurig. Nichts würde so bleiben, wie es war.
»Sag es ihr, Alther«, forderte Silas. »Sag ihr, dass sie unsere Jenna nicht bekommt. Prinzessin hin oder her, sie bekommt sie nicht.«
»Das würde ich liebend gern tun, Silas, aber ich kann nicht«, sagte Alther mit ernstem Gesicht. »Ihr seid entdeckt. Eine Meuchelmörderin ist auf dem Weg. Um Mitternacht wird sie mit einer Silberkugel hier sein. Ihr wisst, was das bedeutet ...«
Sarah schlug die Hände vors Gesicht. »Nein«, hauchte sie.
»Doch«, sagte Alther. Er zitterte, und seine Hand wanderte zu dem kleinen runden Einschussloch direkt unter seinem Herzen.
»Was sollen wir denn tun?«, fragte Sarah ganz ruhig, ohne sich zu rühren.
»Marcia bringt Jenna in den Zaubererturm«, antwortete Alther. »Dort ist sie vorläufig sicher. Dann müssen wir uns überlegen, was wir als Nächstes tun.« Er sah Sarah an. »Du musst mit Silas und den Jungen fortgehen. Irgendwohin, wo ihr sicher seid und wo man euch nicht findet.«
Sarah erbleichte, doch ihre Stimme blieb fest. »Wir gehen in den Wald, zu Galen.«
Marcia blickte abermals auf die Uhr. Die Zeit drängte.
»Ich muss die Prinzessin jetzt wegbringen«, sagte sie. »Ich muss vor dem Wachwechsel zurück sein.«
»Ich will aber nicht«, wisperte Jenna. »Ich muss doch nicht, oder, Onkel Alther? Ich möchte mit zu Galen. Ich möchte mit den anderen mit. Ich möchte nicht allein bleiben.« Ihre Unterlippe bebte, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie klammerte sich an Sarah.
»Du wirst nicht allein sein«, sagte Alther sanft. »Marcia wird doch bei dir sein.«
Jenna sah nicht so aus, als sei ihr das ein Trost.
»Meine kleine Prinzessin«, setzte Alther hinzu, »Marcia hat Recht. Du musst mit ihr gehen. Nur sie kann dir den Schutz geben, den du brauchst.«
Jenna schien noch immer nicht überzeugt.
»Jenna«, sagte er ernst, »du bist die Thronerbin, und zum Wohle der Burg musst du in sichere Obhut, damit du eines Tages Königin werden kannst. Du musst mit Marcia gehen. Bitte!«
Jennas Hand wanderte zu dem goldenen Diadem, das ihr Marcia aufgesetzt hatte. Tief in ihrem Innern begann sie sich schon etwas anders zu fühlen.
»Also gut«, sagte sie leise. »Ich gehe mit ihr.«